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Zu Besuch in Le Corbusiers „Wohnmaschine“ in Marseille

Von außen wirkt sie zunächst wie ein grober Klotz in der Landschaft und vielleicht sogar ein wenig abweisend: Die Unité d’Habitation erhebt sich wie ein riesiger Betonkoloss zwischen Bäumen und Grünflächen im Süden von Marseille. Doch wer sich dem Gebäude nähert und es schließlich betritt, merkt schnell, dass sich hinter der massiven Fassade eine erstaunlich durchdachte Idee verbirgt. Le Corbusier wollte hier nicht einfach nur Wohnungen bauen. Er wollte eine ganze Stadt unter einem Dach schaffen.

Die 1952 fertiggestellte Wohnanlage, die auch als Cité Radieuse, also als „strahlende Stadt“, bekannt ist, gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der modernen Architektur. Ein Besuch führt mitten hinein in die Zukunftsvorstellungen der Nachkriegszeit und zeigt, wie radikal zur damaligen Zeit über das Wohnen neu nachgedacht wurde.

Im Volksmund erhielt das Haus den Namen „la maison du Fada“ – „das Haus der Verrückten“, nachdem ein Gutachten den Bewohner:innen von psychischen Störungen bedroht sah. Viele Bewohner:innen der ersten Stunde sind geblieben – einmal die Woche treffen sich die Bewohner:innen zur Kaffeerunde, um sich über Neuigkeiten im Haus auszutauschen.

Eine Stadt im Haus

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Frankreich großer Wohnungsmangel. 1945 erhielt der Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, den Auftrag, in Marseille ein neuartiges Wohngebäude zu planen.

Gemeinsam mit dem Ingenieur Vladimir Bodiansky gründete er dafür das Büro Atelier des Bâtisseurs, kurz ATBAT. In Marseille konnte Le Corbusier viele seiner früheren Ideen erstmals in großem Maßstab verwirklichen. Sein Ziel war es, Wohnen, Versorgung, Freizeit und Gemeinschaft miteinander zu verbinden.

Das Gebäude sollte deshalb weit mehr sein als ein gewöhnlicher Wohnblock. Es war als vertikale Stadt gedacht, in der bis zu 1.700 Menschen leben konnten. Neben den Wohnungen plante Le Corbusier Geschäfte, ein Hotel, ein Restaurant, Räume für Sport und Bildung sowie gemeinschaftlich genutzte Bereiche auf dem Dach.

Beim Gang durch das Gebäude lässt sich diese Idee noch heute nachvollziehen. Die breiten, innen liegenden Flure bezeichnete Le Corbusier nicht einfach als Korridore, sondern als „innere Straßen“. Sie sollten zu Orten der Begegnung werden und das Gefühl vermitteln, sich innerhalb einer kleinen Stadt zu bewegen.

Ein beeindruckender Betonkoloss

Mit einer Länge von 135 Metern, einer Breite von 24 Metern und einer Höhe von 56 Metern hat die Unité d’Habitation enorme Dimensionen. Trotzdem steht der Baukörper nicht schwer auf dem Boden. Stattdessen ruht er auf mächtigen Betonstützen, den sogenannten Pilotis.

Dadurch scheint das Gebäude beinahe über dem Gelände zu schweben. Gleichzeitig bleibt die Fläche darunter frei und kann als geschützter Außenraum genutzt werden. Dieses Zusammenspiel aus Schwere und Leichtigkeit ist besonders eindrucksvoll, wenn man direkt vor den gewaltigen Stützen steht.

Der unverkleidete Beton prägt das gesamte Erscheinungsbild. Seine Oberfläche ist rau, unregelmäßig und zeigt deutlich die Spuren der Schalung. Genau dieser offene Umgang mit dem Material machte die Unité d’Habitation später zu einem wichtigen Vorbild für den Architekturstil des Brutalismus.

Wohnungen wie Flaschen im Regal

Eine besonders interessante Idee verbirgt sich hinter der Konstruktion des Gebäudes. Die einzelnen Wohnungen wurden als eigenständige Wohnzellen verstanden, die in ein großes Stahlbetonskelett eingesetzt werden konnten. Le Corbusier verglich dieses Prinzip mit Flaschen, die in ein Regal geschoben werden. Deshalb wird die Konstruktion bis heute häufig als „Flaschenregal-Prinzip“ bezeichnet.

Insgesamt entstanden 330 Wohnungen in 23 unterschiedlichen Typen und Größen. Die meisten davon sind als Maisonettewohnungen angelegt und erstrecken sich über zwei Ebenen.

Diese ungewöhnliche Aufteilung wird besonders deutlich, wenn man durch eine der Wohnungen geht. Das Wohnzimmer bildet den Mittelpunkt des Familienlebens. Es öffnet sich über eine Loggia nach außen und erhält dadurch viel Licht. Die Loggia erweitert nicht nur den Wohnraum, sondern dient gleichzeitig als Sonnenschutz für die darunterliegende Wohnung.

Fast alle Wohnungen reichen von der Ost- bis zur Westseite durch das Gebäude. So fällt zu unterschiedlichen Tageszeiten Licht in die Räume, und eine natürliche Querlüftung ist möglich. Lediglich einige Wohnungen sind nach Süden ausgerichtet.

Die Schlafräume für Eltern und Kinder befinden sich auf einer getrennten Ebene. Trotz der schmalen Grundrisse entsteht dadurch eine räumliche Vielfalt. Die klare Organisation erinnert an die funktionale Architektur von Schiffen oder Klöstern, die Le Corbusier als wichtige Vorbilder dienten. Mit seinem überdimensionierten Schornstein können Erinnerungen an ein versteinertes Kreuzfahrtschiff geweckt werden, welches kurz an der Bucht von Marseille angedockt ist.

Erstaunlicher Komfort für die 1950er Jahre

Auch die Ausstattung der Wohnungen war für ihre Zeit sehr modern. Die Küchen verfügten über einen Elektroherd, einen Kühlschrank, einen integrierten Müllbehälter und verschiedene Einbauschränke. Weitere fest eingebaute Möbel halfen dabei, den vorhandenen Platz möglichst effizient zu nutzen.

Küche, Bad und WC wurden mechanisch entlüftet. Für das Wohnzimmer gab es außerdem ein System zur Frischluftversorgung. Die Wohnungen boten damit einen Komfort, der weit über den damaligen Standard des preisgünstigen Wohnungsbaus hinausging.

Le Corbusier dachte jedoch nicht nur an die technische Ausstattung. Auch die Proportionen der Räume waren genau geplant. Grundlage dafür war der von ihm entwickelte Modulor, ein Maßsystem, das sich an den Proportionen des menschlichen Körpers orientiert.

Die Unité d’Habitation in Marseille war das erste Gebäude, bei dem der Modulor umfassend angewendet wurde. Raumhöhen, Türen, Einbauten und viele weitere Elemente sollten dadurch optimal auf den Menschen abgestimmt sein.

Einkaufen, essen und übernachten

Besonders ist die ehemalige Ladenstraße im dritten und vierten Geschoss. Hier plante Le Corbusier Geschäfte und unterschiedliche Einrichtungen für den täglichen Bedarf. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten möglichst vieles erledigen können, ohne das Gebäude verlassen zu müssen.

Heute ist von dieser ursprünglichen Nutzung nur noch ein Teil erhalten. Ein Hotel und ein Restaurant befinden sich weiterhin im Gebäude. Dadurch haben auch Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, die Architektur in der 3. und 4. Etage sowie Dachterrasse nicht nur zu besichtigen, sondern für einige Stunden oder sogar über Nacht selbst zu erleben.

Gerade diese Verbindung aus Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit zeigt, wie umfassend Le Corbusiers Konzept war. Die Unité d’Habitation sollte kein anonymer Wohnblock sein, sondern das Gemeinschaftsleben fördern.

Der Höhepunkt liegt auf dem Dach

Der vermutlich beeindruckendste Bereich des Gebäudes ist die Dachterrasse. Nach der Fahrt durch die 8 Hauptgeschosse öffnet sich im 9. Stockwerk plötzlich ein weiter Blick über Marseille, die umliegenden Berge bishin zum Mittelmeer.

Das Dach wurde von Le Corbusier als gemeinschaftlich genutzte Landschaft gestaltet. Hier befanden sich ursprünglich ein Kindergarten und Sporteinrichtungen. Skulptural geformte Aufbauten, Lüftungsschächte und unterschiedlich hohe Mauern lassen die Dachterrasse fast wie eine begehbare abstrakte Komposition wirken. Auf dem Dach befindet sich sogar ein kleines Planschbecken, das bis heute von den Bewohnerfamilien genutzt werden kann. Für Besucher ist dieser Teil der Dachterrasse allerdings ebenso nicht zugänglich wie ein Großteil der Etagen, die weiterhin bewohnt werden.

Obwohl viele der ursprünglichen Funktionen heute verändert sind, vermittelt dieser Ort noch immer eine Vorstellung davon, wie sehr Le Corbusier Architektur als Teil des täglichen Lebens verstand. Das Dach war für ihn keine ungenutzte Abschlussfläche, sondern ein zusätzlicher Lebensraum für die Gemeinschaft.

Ein Prototyp mit großer Wirkung

Die Wohnanlage in Marseille war als Prototyp für weitere Gebäude gedacht. Nach ihrem Vorbild entstanden später zusätzliche Unités d’Habitation in Rezé-les-Nantes, Briey-en-Forêt, Firminy und Berlin-Charlottenburg.

Nicht alle Ideen ließen sich dauerhaft verwirklichen. Manche gemeinschaftlichen Einrichtungen wurden aufgegeben oder anders genutzt. Dennoch beeinflusste das Gebäude Generationen von Architekt:innen, die heutzutage ihre Büros einrichten konnten. Es wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt für den modernen Wohnungsbau und für die Entwicklung des Brutalismus. Zudem finden sich hier heute eine Buchhandlung, Pflegedienst sowie temporäre Ausstellungen zu Architektur und Design.

Fazit: Mehr als nur ein Betonbau

Die Unité d’Habitation ist kein Gebäude, das sich auf den ersten Blick vollständig erschließt. Von außen dominiert zunächst der massive Beton. Im Inneren zeigt sich jedoch eine überraschend komplexe und bis ins Detail geplante Wohnwelt.

Besonders faszinierend ist die Vorstellung, dass Le Corbusier hier bereits vor mehr als 70 Jahren über Fragen nachdachte, die bis heute aktuell sind: Wie können viele Menschen auf begrenztem Raum gut zusammenleben? Welche gemeinschaftlichen Einrichtungen braucht ein Wohnquartier? Und wie lassen sich Wohnen, Versorgung, Freizeit und Begegnung miteinander verbinden?

Ein Besuch der Cité Radieuse ist deshalb nicht nur für Architekturfans interessant. Das Gebäude erzählt von einer Zeit des Aufbruchs, von großen gesellschaftlichen Hoffnungen und von dem Versuch, das Leben mithilfe von Architektur neu zu organisieren.

Ob Le Corbusiers Wohnutopie in allen Punkten gelungen ist, bleibt offen. Doch gerade darin liegt der Reiz dieses außergewöhnlichen Ortes. Die Unité d’Habitation vereint Denkmal, Wohnhaus und architektonisches Experiment zugleich. Und spätestens beim Blick von der Dachterrasse über Marseille wird verständlich, warum sie bis heute Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Quellen: https://www.deutschlandfunk.de/60-jahre-haus-der-verrueckten-100.html

https://lecorbusier-worldheritage.org/de/unite-habitation/

https://meinfrankreich.com/cite-radieuse_le-corbusier/

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