
Mut zur Nische: Katrin Hünsche im Porträt
Die Stadtentwicklung lebt von unterschiedlichen Perspektiven – von der klassischen Bauleitplanung bis hin zu neuen thematischen Ansätzen und partizipativen Prozessen. Katrin Hünsche beschreibt ihre Rolle in der Büro für Städtebau GmbH Chemnitz als Projektmitarbeiterin für Stadtplanung und ist zudem zertifizierte Moderatorin in der Stadtentwicklung. In ihrer Tätigkeit ergänzen sich fachliche Planung und kommunikative Prozessgestaltung gegenseitig.
Planen, moderieren, gestalten: Stadtentwicklung aus verschiedenen Perspektiven
Ihr Arbeitsalltag bewegt sich im Kern um die formellen und informellen Planungen. Dazu zählen Flächennutzungspläne (FNP) als vorbereitende Bauleitplanung sowie Bebauungspläne (B-Pläne), die konkrete planungsrechtliche Festsetzungen treffen. Ebenso zentral ist die Erarbeitung von Integrierten Stadtentwicklungskonzepten (INSEK), die als strategische Instrumente unterschiedliche Handlungsfelder der Stadt bündeln. Versiert ist sie zudem in der Gestaltung/Layout von Projektergebnissen, denn die visuelle Aufbereitung von Konzepten, Plänen und Strategien ist ein wichtiger Bestandteil, um Inhalte verständlich und zugänglich zu machen. Ergänzt wird ihr beruflicher Alltag durch ein eher unbekanntes, aber zukünftig relevanteres Themenfeld: die regionale und gesunde Ernährung in der Stadt, die als Querschnittsthema zunehmend mit Fragen der Stadtentwicklung verknüpft werden kann.
Ihre Aufgaben beginnen mit einem grundlegenden Blick auf die Kommune „aus Sicht der Bauleitplanung“. Das bedeutet, räumliche Entwicklungen systematisch zu analysieren und im Kontext von FNP und Bebauungsplanung einzuordnen. Ein zweiter wesentlicher Baustein ist die Moderation in der Stadtentwicklung. Diese spielt insbesondere bei der Erarbeitung von INSEK eine wichtige Rolle, da hier unterschiedliche Akteursgruppen eingebunden werden. Beteiligungsprozesse zu strukturieren, Diskussionen zu begleiten und Ergebnisse zusammenzuführen, gehören damit zu ihrem zentralen Aufgabenfeld.
Von der Neuorientierung zum Urbanistik-Studium in Weimar
Der Weg in die Stadtplanung war bei ihr geprägt von einer ersten – aber nicht lebenserfüllenden Ausbildung, gefolgt von einem Work & Travel-Jahr in Kanada bis hin zur bewussten beruflichen Neuorientierung. Letztlich fiel nach dem Abitur auf dem 2. Bildungsweg die Entscheidung für das Bachelor- und Masterstudium Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar. Das Bachelorstudium wurde ergänzt durch mindestens ein verpflichtendes Auslandssemester, das Katrin Hünsche an der Blekinge Tekniska Högskola (BTH) in Karlskrona/Schweden absolvierte. Ihre Praktika durchlief sie am ISP Institut für Stadtforschung, Planung und Kommunikation an der FH Erfurt sowie beim ZK/U Berlin – Zentrum für Kunst und Urbanistik.
Stadtforschung und nachhaltige Stadtentwicklung: Studium mit gesellschaftlichem Fokus
Das Studium in Weimar war von Beginn an durch seinen wissenschaftlichen Forschungsansatz geprägt. In dieser Zeit setzte sich Katrin Hünsche neben den Grundlagen der Stadt- und Raumplanung sowie Städtebau(-geschichte) intensiv mit den Qualitäten und Missständen der Stadtentwicklung auseinander. Letztlich legte sie ihren Fokus auf die sozialwissenschaftliche Stadtforschung, da für sie die Analyse von gesellschaftlichen Beziehungen zwischen unterschiedlichsten sozialen Gruppen besonders spannend war. In ihrem Auslandsstudium lag hingegen die nachhaltige Stadtentwicklung im Fokus – die im Laufe des Studiums und darüber hinaus eine zunehmende Relevanz erhalten hat. Der Studienalltag war geprägt von Gruppenarbeiten und interdisziplinären Denkweisen, um im späteren Berufsalltag auf demokratische und bürokratische Abläufe vorbereitet zu sein. Besonders hängen geblieben ist ihr das Thema ihrer Masterarbeit, in der sie sich mit der Rolle der Zivilgesellschaft innerhalb einer sozio-ökologischen Transformation am Beispiel von Ernährungsräten auseinandergesetzt hat.
Ernährung in der Stadtplanung: Ein unterschätztes Zukunftsthema
Wenn das Thema Ernährung in der Stadtplanung aufgegriffen wird, liegen die Schwerpunkte bspw. auf Ernährungsgerechtigkeit vor allem im globalen Norden und Essbare Stadt/Urban Gardening. Zunehmend befasst sich die Stadtplanung mit dem Selbstversorgungsgrad in der Stadt-Land-Beziehung und deren Ernährungsstrategien. Da in Städten sich Bewohner*innen immer weniger mit Zubereitung, Verarbeitung und Erzeugung von Lebensmitteln auseinandersetzen, rückte der Konsum in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Fokus. Die Folge: Akteur:innen agieren insbesondere auf nationaler und regionaler Ebene, die Wertschöpfungskette der Ernährung ist von Intransparenz geprägt, vor allem kleinere Höfe kämpfen um ihr Überleben und die Verbraucher:innen wissen oft nicht, wie sich die Preise der Lebensmittel zusammensetzen – die vor allem in Deutschland durch die fünf größten Supermarktketten beeinflusst werden. Es hat dazu geführt, dass das Ernährungssystem de-lokalisiert, zerschnitten und nicht nachhaltig ist.
Just-in-Time-Logistik: Warum unsere Lebensmittelversorgung Stadtplanung betrifft
Beim Themenfeld Ernährung in der Stadtplanung geht es vorrangig um die sogenannte Just-In-Time-Logik von Supermärkten: Deren Lager sind so gestaltet, dass sie nur für einen Drei-Tages-Vorrat ausgestattet sind: Die Lager von Supermärkten werden zunehmend verkleinert, Verkaufsflächen werden vergrößert. Die Hamsterkäufe mit langen Wartezeiten auf Nachschub während der Corona-Pandemie sind uns wohl allen noch in guter Erinnerung und ist auch auf diesen Missstand zurückzuführen.
Vom Nischenthema zur Initiative: Der Ernährungsrat Chemnitz
Was zunächst als Nischenthema in der Stadtentwicklung wahrgenommen wird, entwickelte es sich für Katrin Hünsche durch ehrenamtliches Engagement weiter. Nachdem sie zunächst im Zuge ihrer Masterthesis im Ernährungsrat Leipzig aktiv war, ergriff sie mit anderen Mitstreiter*innen die Initiative und gründete im Dezember 2023 den gemeinnützigen Verein Ernährungsrat Chemnitz e.V., dem sie seither als Vorstand beiwohnt. Was als Bewegung in den 80er Jahren in Kanada/USA begann, hat sich seit den 2000er Jahren von Großbritannien aus auch in Europa verbreitet: innerhalb Deutschlands gibt es inzwischen etwa 50 bis 60 Ernährungsräte, wovon viele im bundesweiten Netzwerk vereint sind.
Regionale Ernährung und Essbare Stadt: Potenziale für Chemnitz
Stück für Stück soll durch den Ernährungsrat Chemnitz das Thema Ernährung wieder auf regionale Ebene gebracht werden. Für Chemnitz und Umgebung kann das beispielsweise bedeuten, eine SWOT-Analyse des Ernährungssystems zu erstellen, um nicht nur die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken herauszufinden, sondern um lokale Akteur:innen besser zusammenzubringen. Denn: es gibt diese Akteur:innen entlang der Wertschöpfungskette auch hier, aber sie sind zu wenig miteinander vernetzt und stehen hinsichtlich der Logistik vor großen Herausforderungen. Das Thema Essbare Stadt hat für Chemnitz ebenso Potential, da es viele Flachdächer gibt, die zu einem Dachgarten umfunktioniert werden könnten. Vorbild hier ist für Katrin Hünsche die Stadt Rotterdam/Niederlande, die neben Dachgärten noch diverse andere Konzeptionen für Flachdächer und deren nachhaltige Nutzung entwickelt hat. Vorstellbar ist ebenso, das Thema Gemeinschaftsverpflegung zu intensivieren, sodass die Mensen/Caterer dieser Stadt mit regionalem Essen ausgestattet werden und von kleinen bis großen Besucher:innen die Wertschätzung gegenüber diesem Thema wieder eine größere Rolle einnimmt.
Komplexe Planung, unterschiedliche Interessen: Herausforderungen der Stadtentwicklung
Eine zentrale und zugleich spannende Herausforderung in der Stadtplanung sind für Katrin Hünsche die komplexen Zusammenhänge und inhaltliche Abwechslung in der Bauleitplanung: Jeder Plan ist anders. Es lässt sich kein Plan zu 100 % auf den nächsten übertragen, jede Stellungnahme muss zwischen den einzelnen Interessen und raumordnerischen Vorgaben einander abgewogen werden. Ebenso variieren die Vorstellungen von Bürger:innen sehr unterschiedlich. Diese schiere Menge an Datensätzen und Karten sollen letztlich in einem möglichst realisierbaren Konzept ausgewertet und gebündelt werden – und stehen spätestens dort den rechtlichen und technischen Vorschriften als nächste Herausforderung gegenüber.
Von sechs Monaten bis sieben Jahren: Warum Stadtplanung Geduld braucht
Unterschätzt hat sie am Anfang des Berufslebens die Länge von Projekten – während im Studium ein großes Planungsprojekt maximal ein sechsmonatiges Semester dauert (und die meisten Bewertungspunkte einbrachte), kann bspw. der Aufstellungsprozess eines Flächennutzungsplans in der Regel zwischen 5 und 7 Jahren in Anspruch nehmen. Im Nachhinein spielte das Thema Baurecht im Studium eine zu geringe Rolle, was wahrscheinlich auch auf die komplexen, langwierigen bürokratischen Abläufe zurückzuführen ist. Und: die Juristerei in der Bauleitplanung kann sehr trocken sein – es dauert eine gewisse Zeit bis man die Zusammenhänge und Abläufe „zwischen den Zeilen“ besser versteht. Ihr Rat an Studienanfänger:innen ist praxisnah und zukunftsorientiert: bereits während des Studiums in einer Stadtverwaltung oder ähnlichen Behörden zu arbeiten, hilft beim Verständnis von Gesetzen und verwaltungsinternen Abläufen als Vorbereitung auf den späteren Arbeitsalltag.
Analytisch denken, kommunizieren, gestalten: Was Stadtplaner:innen mitbringen sollten
Empfehlenswert ist eine gewisse Offenheit gegenüber interdisziplinären Denkweisen und einen visionären Gestaltungswillen gegenüber verschiedenen Themen zwischen Stadt und ländlichen Raum. Insbesondere auf dem Weg zur Konzeptentwicklung kann es sein, dass man sich von den bisherigen Ansätzen überfordert fühlt – wichtig ist es dann, am Thema dran zu bleiben, mit anderen Kommiliton:innen in den Austausch zu gehen und es als Teil der eigenen Entwicklung zu verstehen. Wichtig sind zudem analytisches Denken, Kommunikations- und Teamfähigkeit, manchmal auch Mut, um neue Wege einzuschlagen sowie ein gewisses Maß an Geduld mit diversen bürokratischen Abläufen, um in diesem Beruf erfolgreich zu sein.




