1. Preis Wettbewerb Neue Ortsmitte Gesees 9.5.2026 Kira Brandt Naemi Sünderhauf Paul Böhmer Landschaftsarchitekt Bamberg Franziska Schieferdecker Landschaftsarchitektin Dresden Prof. Markus Schlempp Architekt Freiburg Stefan Schlicht Architekt Schweinfurt Marc Rennfleisch Büro für Städtebau GmbH Chemnitz
Büro für Städtebau GmbH Chemnitz: 1. Preis im Realisierungswettbewerb „Die Ortsmitte Gesees“ gewonnen!

Mit dem Gewinn des Wettbewerbs zur Entwicklung einer neuen Ortsmitte in Gesees am 9. Mai 2026 ist für uns als Stadtplanungsbüro ein bedeutender Meilenstein erreicht.

Ein besonderer Erfolg dieses Wettbewerbsbeitrags liegt in der engen, integrativen Zusammenarbeit unseres interdisziplinären Planungsteams. Die gemeinsame Entwurfsarbeit von Landschaftsarchitekt:innen und Architekt:innenKira Brandt, Naemi Sünderhauf, Marc Rennfleisch, Karl-Ludwig Keller und Thomas Naumann – war prägend für die Qualität des Entwurfs. Gerade das enge Zusammenspiel von städtebaulichem Denken, architektonischer Präzision und freiraumplanerischer Sensibilität hat es ermöglicht, ein Konzept zu entwickeln, das den Ort in seiner baulichen wie landschaftlichen Identität gleichermaßen versteht und weiterdenkt. Der 1. Preis ist damit auch Ausdruck einer Teamleistung, die von intensivem fachlichem Austausch, gemeinsamer Haltung und einem durchgängig abgestimmten Planungsprozess getragen wurde.

Wir bedanken uns ausdrücklich für die Erstprämierung unseres Wettbewerbsbeitrags. Die große Wertschätzung, das entgegengebrachte Vertrauen sowie die offene und konzentrierte Atmosphäre während der Ausstellung und Präsentation am 9. Mai 2026 in Gesees haben uns nachhaltig beeindruckt. Besonders hervorzuheben ist das außergewöhnlich große Interesse an den unterschiedlichen Entwürfen sowie die intensive und konstruktive Auseinandersetzung mit den vorgestellten Planungsansätzen.

Unser besonderer Dank gilt den Bewohnerinnen und Bewohnern von Gesees. Ihre Offenheit, ihre Fragen, Anregungen und die spürbare Bereitschaft, die zukünftige Ortsmitte aktiv mitzugestalten, waren in allen Gesprächen deutlich erlebbar. Diese Dialoge haben nicht nur wertvolle Hinweise für die weitere Planung geliefert, sondern auch gezeigt, wie stark die Identifikation mit dem Ort bereits heute ist – und welches gemeinsame Potenzial in seiner Weiterentwicklung liegt.

Weiterbauen an der dörflichen Mitte

Die Neugestaltung der Ortsmitte von Gesees versteht sich nicht als radikaler Neubeginn, sondern als behutsame Weiterentwicklung eines gewachsenen Dorfgefüges. Im Zentrum steht die Idee, den dörflichen Charakter zu bewahren und zugleich einen neuen, identitätsstiftenden Mittelpunkt auszubilden. Die Leitbilder Nachhaltigkeit, Vernetzung und „LandLeben“ bilden dabei das konzeptionelle Fundament.

Der Bestand wird dabei nicht als Einschränkung, sondern als wertvolle Ressource verstanden. Gebäude, Freiräume und Wege werden sensibel weiterentwickelt und in ein neues räumliches Gefüge integriert, das vorhandene Qualitäten stärkt und sichtbar macht.

Die Ortsmitte wird als lebendiger Treffpunkt für Alltag und besondere Anlässe gedacht. Sie vereint Aufenthalt, Begegnung und Durchwegung und fungiert zugleich als Bühne des Dorflebens wie auch als selbstverständlicher Bestandteil alltäglicher Wegebeziehungen. Gleichzeitig übernimmt sie eine verbindende Funktion im Ort, indem sie bestehende Grünzüge aufnimmt und mit Fuß- und Radwegen vernetzt.

Raumgefüge: Platz, Übergänge und Landschaft

Das räumliche Zentrum bildet eine aufgeweitete Platzsituation zwischen Ziegelhaus, Wirtshaus, Scholzhaus, Scheune und Werkstattgebäude. Durch das behutsame Zurücksetzen der Scheune entsteht ein großzügiger Übergangsraum, der Innen- und Außenraum miteinander verzahnt und die neue Mitte klar fasst. Die umgebenden Gebäude orientieren sich zum Platz und definieren ihn als gemeinschaftlichen Raum.

Vorplatz und Hauptplatz

Der Platz gliedert sich in einen Vorplatz zur Hauptstraße und einen zentralen Hauptplatz.

Der Vorplatz übernimmt die Funktion der Adressbildung. Die ortsbildprägende Friedenseiche wird als identitätsstiftendes Element inszeniert. Eine leicht abgesenkte Rinne strukturiert die Fläche und übernimmt zugleich eine klimaaktive Funktion: Regenwasser wird gesammelt, versickert über einen erhöhten Fugenanteil und bleibt temporär im Raum ablesbar.

Der Hauptplatz wird durch eine sanft modellierte Sitzstufe gegliedert, die zugleich als Bühne und Tribüne fungiert und unterschiedliche Höhenniveaus vermittelt. So entsteht ein barrierearmer, klar strukturierter Raum, der sowohl Alltagsnutzung als auch Veranstaltungen ermöglicht.

Übergänge und Ränder

Die Platzränder werden durch eine Abfolge enger „Gässchen“ gefasst, die als vermittelnde Pufferzonen zwischen Bebauung und Platz wirken. Diese Übergänge erzeugen eine räumliche Dramaturgie des Ankommens, bei der sich der Raum über Rampen und Stufen zur Mitte hin öffnet.

Entsiegelte Randbereiche mit Sitzgelegenheiten und gezielten Baumpflanzungen schaffen kleinteilige Aufenthaltsräume, verbessern das Mikroklima und stärken die atmosphärische Qualität der Ortsmitte.

Landschaftlicher Anschluss

Die Erschließung für den motorisierten Verkehr bleibt bewusst reduziert und konzentriert sich auf den nördlichen Bereich mit Stellplätzen und barrierefreien Zugängen. Ein durchgängiger Fuß- und Radweg verbindet die Ortsmitte in Nord-Süd-Richtung mit den umliegenden Grünräumen und bleibt auch bei Veranstaltungen nutzbar.

Im Süden erweitert sich der Raum entlang der „Schwemm“ zu einem landschaftlich geprägten Aufenthaltsbereich mit Wasserbezug und Spielangeboten – als ruhiger Gegenpol zur lebendigen Platzmitte.

Materialität und Atmosphäre

Die Materialwahl folgt einem ortstypischen, zurückhaltenden Ansatz. Der zentrale Platz erhält einen großformatigen, ruhigen Pflasterbelag, der eine homogene Fläche bildet. Die Entwässerungsmulde wird mit einem optisch identischen, jedoch fugenoffenen Belag ausgebildet, der Funktion und Gestaltung verbindet.

Stellplatzbereiche werden wasserdurchlässig ausgeführt, etwa mit Rasengittersteinen, um Versiegelung zu reduzieren und Regenwasser vor Ort zu halten.

Die Scheune als Herz der Ortsmitte

Die Scheune bildet den zentralen Veranstaltungsort und funktionalen Schwerpunkt. Ein zurückgesetztes Fassadenfeld schafft einen überdachten Übergangsbereich als Puffer zwischen Innen und Außen. Großzügige Falttüren ermöglichen eine flexible Öffnung, sodass Veranstaltungen drinnen wie draußen stattfinden können.

Ergänzt wird die Scheune durch einen beheizten Küchen- und WC-Bereich. Die Holzfassade arbeitet mit variierender Transparenz und erzeugt ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, das die Erscheinung des Gebäudes dynamisch verändert.

Der Gewölbekeller bleibt über die Bestandstreppe erlebbar und wird in die räumliche Sequenz der Gassen zwischen Scheune und Werkstattgebäude eingebunden.

Werkstattgebäude und Ziegelhaus

Das Werkstattgebäude ergänzt das Ensemble um einen barrierefreien, multifunktionalen Treffpunkt. Ein kleiner Ausschank belebt den Platz zusätzlich, während technische Nutzungen und Vereinslager integriert sind.

Das Ziegelhaus wird in einem späteren Bauabschnitt entwickelt und übernimmt eine Versorgungsfunktion. Ein flexibel nutzbarer 24-Stunden-Laden sowie Regiomaten für regionale Produkte schaffen eine niedrigschwellige Infrastruktur, die auch durch externe Akteure betrieben werden kann.

Ein neuer Mittelpunkt aus dem Bestand heraus

In der Kombination aus offenem Freiraum, gemeinschaftlichen Nutzungen und ergänzender Versorgung entsteht eine robuste und lebendige Ortsmitte. Sie stärkt die soziale Gemeinschaft, knüpft an bestehende Strukturen an und entwickelt aus dem Bestand heraus einen neuen Mittelpunkt für Gesees.

Die Materialstrategie setzt konsequent auf Erhalt, Weiterverwendung und langlebige, einfache Ergänzungen. Bestehende Strukturen werden integriert, Ressourcen geschont und der Charakter des Ortes bewahrt.

Umsetzung in Bauabschnitten

Die Entwicklung ist in mehreren Bauabschnitten realisierbar und erlaubt eine schrittweise Umsetzung unter wirtschaftlich tragfähigen Bedingungen. Der sensible Umgang mit dem Bestand sowie der gezielte Einsatz robuster Materialien sichern eine nachhaltige und langfristige Entwicklung.

Abschlussgedanke

Der Wettbewerbserfolg ist für uns Ausgangspunkt eines offenen Planungsprozesses. Die Ortsmitte von Gesees verstehen wir als kontinuierlich weiterzuentwickelnden Ort – getragen von Bestand, Gemeinschaft und der Bereitschaft, Entwicklung als Prozess zu denken.

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