
Die Stadt als Bühnenbild des Alltags: Naemi Sünderhauf im Porträt
Zwischen Planung, Haltung und dem Blick fürs Detail – ein Einblick in den Berufsalltag einer Stadtentwicklerin
Wie entsteht eigentlich Stadt? Und wer sind die Menschen, die tagtäglich daran arbeiten, unsere gebaute Umwelt weiterzudenken? Naemi Sünderhauf ist studierte Architektin – und doch greift diese Bezeichnung für ihren Berufsalltag zu kurz. Ihr Weg führte sie von der Architektur über die Bauwirtschaft hin zur Stadtplanung und Projektentwicklung. Heute bewegt sie sich genau dort, wo viele zentrale Fragen unserer Städte zusammenlaufen: an den Schnittstellen zwischen Gestaltung, Nutzung, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Von der Bühne zur Stadtentwicklung
Der Einstieg in die gebaute Umwelt begann mit einer ganz anderen Vorstellung: Bühnenbau. Die Idee, Räume zu inszenieren und Atmosphären zu schaffen, war der Ausgangspunkt, dem sie sich über die Architektur nähern wollte. Während des Architekturstudiums an der HTWK in Leipzig entwickelte sich jedoch schnell ein wachsendes Interesse an größeren Zusammenhängen zwischen Architektur, Stadt und Landschaft. Spätestens im Masterstudium „Bauwirtschaft und Projektentwicklung“ in Kassel wurde klar, wohin die Reise geht: Stadtentwicklung als interdisziplinäres Feld, das Architektur, Landschaft und gesellschaftliche Prozesse miteinander verbindet. Besonders die wissenschaftlichere und gleichzeitig praxisnahe Ausrichtung des Studiums an der Universität Kassel und die dortige Auseinandersetzung mit aktivistischen Menschen und der Initiierung von zahlreichen Projekten rund ums Studium und darüber hinaus prägten diesen Weg nachhaltig.
Vielfältige Aufgaben im Berufsalltag
Heute ist der Berufsalltag von Naemi Sünderhauf ebenso vielfältig und umfasst unter anderem:
- Bauleitplanung
- Informelle Stadtentwicklungskonzepte (INSEK)
- Leerstandskonzepte
- Gemeinwohlorientierte Projektentwicklung
Dahinter steckt eine Mischung aus analytischer, gestalterischer und kommunikativer Arbeit: zeichnen, layouten, digitale Pläne erstellen, Abstimmungen führen, Konzepte verschriftlichen und Besprechungen halten. Ein großer Teil der Arbeit findet am Schreibtisch statt – und doch wirkt sie weit in den realen Stadtraum hinein, wenn aus abstrakten Plänen konkrete Räume werden – und Menschen diese Räume annehmen. Die Freude am Zeichnen, das „Zum-Leben-Erwecken“ von Entwürfen und das Wissen, um sinnstiftende Arbeit, die einen positiven Beitrag für Kommunen leistet, sind zentrale Antriebskräfte. Besonders erfüllend ist es, wenn Planungen am Ende tatsächlich die Lebensqualität vor Ort verbessern.
Stadtplanung als Haltung
Geprägt wurde Naemi Sünderhauf insbesondere durch ihre Professorin Dr. Gabu Heindl, die an der Universität Kassel lehrt und Leiterin des Fachgebiets für „Architektur Stadt Ökonomie | Bauwirtschaft und Projektentwicklung“ ist. In Seminaren und Projekten vermittelte sie neben den fachlichen Inhalten auch eine klare Haltung zu Themen wie Leerstand und sozialer Gerechtigkeit sowie ein kritisches Reflektieren der bestehenden Strukturen. Mit diesem aktivistischen Zugang hat sie vorgelebt, dass Stadtplanung und Architektur mehr sein können als reine Planung – nämlich ein Werkzeug, um gesellschaftliche Veränderungen im städtischen Raum anzustoßen.
Zwischen Gemeinwohl und Wirtschaftlichkeit
Eine der zentralen Herausforderungen in der Planung ist das Austarieren unterschiedlicher Interessen. Wirtschaftlichkeit, Gemeinwohl, gestalterischer Anspruch und die konkreten Bedürfnisse von Kommunen und BewohnerInnen stehen oft in einem Spannungsverhältnis. Hier geht es darum, tragfähige Lösungen zu entwickeln, ohne den ursprünglichen Ansatz aus den Augen zu verlieren. Genau diese Schnittstellenarbeit macht den Beruf anspruchsvoll – und gleichzeitig besonders spannend und relevant für die nachhaltige Stadtentwicklung.
Persönliche Fähigkeiten als Schlüssel
Neben fachlichem Wissen sind es vor allem persönliche Fähigkeiten, die im Beruf entscheidend sind: Ausdauer und Geduld, Detailgenauigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen sowie Empathie und die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Perspektiven und Gegebenheiten hineinzuversetzen. Eine oft unterschätzte Eigenschaft ist zudem Durchsetzungsvermögen – insbesondere für Frauen in einem Berufsfeld, in dem sie trotz hoher Studienzahlen weiterhin in Kammern und Vorständen unterrepräsentiert sind. Umso wichtiger ist es, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben und den eigenen Standpunkt zu vertreten.
Den eigenen Weg finden
Rückblickend würde Naemi Sünderhauf ihren Weg wieder so wählen. Gerade die Vielfalt des Berufsfeldes eröffnet Möglichkeiten jenseits klassischer Karrierepfade. Ihr Rat an StudienanfängerInnen ist deshalb ebenso einfach, wie ehrlich: Durchhalten – und die eigenen Nischen suchen. Denn Stadtplanung und Architektur sind keinen starren Berufe, sondern ein offenes Feld, in dem neue Wege nicht nur möglich, sondern notwendig sind.




