
Filmtipp: Barbara Buser – Architektur als Kultur der Transformation
Warum wir anders bauen müssen – Leben, Haltung und ein Film, der Stadtplanung neu denkt
Die Schweizer Architektin Barbara Buser (*1954) gehört zu den prägendsten Stimmen einer Architektur, die den Bestand ins Zentrum stellt. Ihr Werk und ihre Haltung stehen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Weg vom Neubau als Standard – hin zu einer Kultur der Transformation, Wiederverwendung und Weiterentwicklung.
Mit dem Kinostart des Dokumentarfilms Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit am 16. April 2026 rückt diese Haltung verstärkt in den öffentlichen Diskurs. Der Film ist dabei nicht nur ein Porträt, sondern eine programmatische Intervention in die Frage, wie wir künftig bauen und Städte gestalten.
Biografischer Hintergrund: Lernen unter Knappheit
Nach ihrem Studium an der ETH Zürich (Abschluss 1979) arbeitete Buser in Entwicklungsprojekten im Sudan und in Tansania. Diese frühen beruflichen Erfahrungen unter Bedingungen materieller Knappheit prägten ihr Denken fundamental.
Dort wurde Bauen nicht als gestalterischer Luxus verstanden, sondern als:
- ressourcensensible Praxis
- funktionale Notwendigkeit
- sozial eingebetteter Prozess
Diese Perspektive zieht sich konsequent durch ihr gesamtes späteres Werk.
Architekturverständnis: Bauen im Bestand statt auf der grünen Wiese
Im Zentrum von Busers Ansatz steht das Konzept der grauen Energie – also jener Energiemenge, die bereits in einem Gebäude gebunden ist: durch Herstellung, Transport und Errichtung.
Die Konsequenz ist klar und radikal:
Der ökologisch sinnvollste Bau ist oft der, der bereits existiert.
Damit verschiebt sich die Logik des Bauens:
- Abriss wird zur Ausnahme, nicht zur Regel
- Bestand wird zur Ressource, nicht zum Problem
- Umbau wird zur zentralen Disziplin
Ihr oft zitierter Grundsatz bringt es auf den Punkt:
Bestehende Gebäude sind keine Altlast – sie sind Ressourcen.
Wiederverwendung als System: Die Bauteilbörse Basel
Ein entscheidender Schritt zur praktischen Umsetzung dieser Haltung war 1995 die Gründung der Bauteilbörse Basel.
Hier werden:
- Türen
- Fenster
- Stahlträger
- ganze Bauelemente
systematisch gesammelt, geprüft und wieder in Bauprozesse integriert.
Was heute unter dem Begriff zirkuläres Bauen breit diskutiert wird, war damals visionär. Buser etablierte damit früh ein funktionierendes Modell einer Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.
Architektur als Prozess: baubüro in situ
Mit der Gründung von baubüro in situ (1998) entwickelte Buser ihren Ansatz weiter – weg vom einzelnen Gebäude, hin zu komplexen Transformationsprozessen.
Im Fokus stehen:
- Umbau statt Neubau
- Reaktivierung bestehender Areale
- soziale und funktionale Durchmischung
- Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren
Architektur wird hier nicht als abgeschlossenes Objekt verstanden, sondern als dynamischer, offener Prozess.
Zentrale Projekte: Transformation statt Tabula Rasa
Busers Projekte zeigen exemplarisch, wie dieser Ansatz konkret funktioniert:
- Unternehmen Mitte (Basel)
Umwandlung eines ehemaligen Bankgebäudes in einen offenen Kultur- und Begegnungsort - Gundeldinger Feld (Basel)
Transformation eines Industrieareals in ein vielfältig genutztes Stadtquartier - Kindl-Areal (Berlin)
Weiterentwicklung eines ehemaligen Brauereigeländes - K.118 (Winterthur)
Experimentelles Projekt für zirkuläres Bauen mit hohem Anteil wiederverwendeter Bauteile
Diese Projekte verbinden bauliche Transformation mit sozialer Reaktivierung – ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit.
Stadtplanung neu gedacht: Vom Objekt zur Beziehung
Busers Ansatz ist nicht nur architektonisch, sondern tief städtebaulich. Sie stellt grundlegende Fragen:
- Wie entstehen lebendige, bezahlbare Städte?
- Wie kann Bestand Identität stiften?
- Wie fördern Räume soziale Interaktion?
Im Gegensatz zu vielen konventionellen Stadtentwicklungen, die durch Investorenlogik und Flächenmaximierung geprägt sind, verfolgt sie einen Ansatz, der:
- ressourcenschonend
- sozial orientiert
- langfristig angelegt
ist.
Der Film: Architektur als gesellschaftliche Praxis
Der Dokumentarfilm Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit (Regie: Gabriele Schärer) greift diese Themen auf und macht sie visuell und narrativ zugänglich.
Eckdaten:
- Produktionsjahr: 2025
- Länge: ca. 118 Minuten
- Kinostart: 16.04.2026
Der Film zeigt:
- konkrete Transformationsprojekte
- Busers persönliche Reflexionen
- ihre Rolle als Pionierin
- die Verbindung von Architektur, Gesellschaft und Verantwortung
Er versteht Architektur explizit als gesellschaftliche Praxis – nicht nur als Disziplin des Bauens.
Warum Busers Ansatz heute zentral ist
Die Relevanz ihrer Arbeit ergibt sich aus aktuellen globalen Herausforderungen:
- Klimakrise
Die Bauindustrie zählt zu den größten CO₂-Verursachern. Neubauten sind häufig klimaschädlicher als Umbauten.
- Ressourcenknappheit
Primärrohstoffe wie Sand oder Stahl werden zunehmend knapp – Wiederverwendung wird zur Notwendigkeit.
- Urbanisierung
Wachsende Städte erfordern neue Strategien jenseits von Expansion.
- Soziale Stabilität
Abriss und Neubau führen oft zu Verdrängung – Weiterbauen kann Kontinuität sichern.
- Haltung statt Trend
Was Buser von vielen anderen Architekt:innen unterscheidet, ist die Konsequenz ihrer Haltung. Nachhaltigkeit ist bei ihr kein Zusatz, sondern Ausgangspunkt.
Ihr Ansatz ist:
- systemisch
- langfristig
- gesellschaftlich eingebettet
Architektur wird zur Verantwortung – nicht nur zur Gestaltung.
Auszeichnungen
Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem:
- Prix Meret Oppenheim (2020)
- Holcim Global Gold Award (2021)
Diese würdigen insbesondere die strukturelle und systemische Bedeutung ihres Ansatzes.
Fazit: Transformation als neue Norm
Barbara Buser steht für eine Architektur, die den Bestand als Zukunft versteht. Ihr Beitrag liegt weniger in ikonischen Gebäuden als in einem grundlegenden Perspektivwechsel:
Weg vom linearen Bauprozess – hin zu einer zirkulären, transformierenden Praxis.
Der Film Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit verstärkt diese Botschaft und macht sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
Die zentrale Frage bleibt:
Warum neu bauen, wenn die Zukunft bereits existiert?
Busers Antwort ist klar:
Erhalten. Weiterdenken. Transformieren.



