
Vom Warenhaus der Moderne zum Museum der Geschichte: Das smac in Chemnitz
Mitten im Zentrum von Chemnitz steht ein Gebäude, das auf besondere Weise Wirtschaftsgeschichte, Architektur der Moderne und Erinnerungskultur miteinander verbindet. Heute ist es als smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz bekannt. Doch ursprünglich war das markante Haus ein Kaufhaus – ein Symbol für Fortschritt, Konsum und Urbanität in der Weimarer Republik.
Ein Kaufhaus als Zeichen der Moderne
Errichtet wurde das Gebäude in den Jahren 1929 und 1930 als Kaufhaus Schocken. Schon zur Eröffnung galt es als architektonische Sensation. Statt historisierender Fassaden oder verspielter Ornamente präsentierte sich das Haus mit klaren Linien, horizontalen Fensterbändern und einer konsequent funktionalen Gestaltung. Es verkörperte damit ein neues Selbstverständnis von Architektur: modern, rational und auf das Leben der Großstadt ausgerichtet.
Das Kaufhaus war nicht nur ein Ort des Einkaufens, sondern ein städtebauliches Statement. Es zeigte, wie sehr sich Chemnitz – damals eine der bedeutendsten Industriestädte Deutschlands – als moderne Metropole verstand.
Die Brüder Schocken – Unternehmer mit Weitblick
Hinter dem Gebäude stand die jüdische Unternehmerfamilie Schocken. Die Brüder Simon und Salman Schocken hatten Anfang des 20. Jahrhunderts aus bescheidenen Anfängen eine der größten deutschen Warenhausketten aufgebaut. Ihr Erfolgsrezept bestand aus klarer Organisation, günstigen Preisen, moderner Warenpräsentation und einem feinen Gespür für gesellschaftliche Veränderungen.
Bis Ende der 1920er Jahre betrieb der Schocken-Konzern rund zwanzig Kaufhäuser in ganz Deutschland. Das Chemnitzer Haus war dabei eines der größten und repräsentativsten. Für die Brüder Schocken war Architektur kein bloßes Mittel zum Zweck, sondern Teil der Unternehmensidentität: Die Gebäude sollten Offenheit, Modernität und Fortschritt ausstrahlen.
Erich Mendelsohn und die Architektur der Neuen Zeit
Mit der Planung des Chemnitzer Kaufhauses beauftragten die Schocken-Brüder den Architekten Erich Mendelsohn, einen der wichtigsten Vertreter des Neuen Bauens. Mendelsohn hatte bereits zuvor Kaufhäuser für Schocken entworfen und verstand es meisterhaft, Funktionalität mit ästhetischer Dynamik zu verbinden.
Sein Entwurf für Chemnitz gilt als Höhepunkt dieser Zusammenarbeit. Die geschwungene Ecklösung, die klar gegliederten Fassaden und die großzügigen Fensterflächen machten das Gebäude zu einem Musterbeispiel moderner Architektur. Licht, Raum und Bewegung spielten eine zentrale Rolle – Architektur sollte den Rhythmus der Großstadt widerspiegeln.
Tragisch ist, dass Mendelsohn wie auch die Familie Schocken wenige Jahre später Deutschland verlassen mussten. Als Jude war Mendelsohn im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher; er emigrierte und setzte seine Karriere im Ausland fort.
Enteignung, Umnutzung und Überleben
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete die Erfolgsgeschichte der Kaufhauskette abrupt. Das Unternehmen wurde enteignet, die Familie Schocken zur Emigration gezwungen. Das Gebäude in Chemnitz blieb jedoch erhalten und wurde weiterhin als Warenhaus genutzt – zunächst unter nationalsozialistischer Verwaltung, später in der DDR unter wechselnden Namen.
Auch nach der Wiedervereinigung diente das Haus noch einige Zeit dem Einzelhandel, bevor es schließlich leer stand. Sein architektonischer Wert wurde jedoch zunehmend erkannt, und so fiel die Entscheidung, das Gebäude grundlegend zu sanieren und ihm eine neue Funktion zu geben.
Das smac – Geschichte im historischen Raum
Im Jahr 2014 eröffnete das Gebäude schließlich als Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz. Die neue Nutzung erwies sich als Glücksfall: Die klare, moderne Architektur Mendelsohns bietet einen idealen Rahmen für die Präsentation archäologischer Funde und historischer Zusammenhänge.
Das smac erzählt heute die Geschichte Sachsens von der Urgeschichte bis ins Mittelalter – und zugleich auch die Geschichte des Hauses selbst. Elemente der ursprünglichen Architektur wurden bewusst erhalten und sichtbar gemacht. So wird der Museumsbesuch zu einer doppelten Zeitreise: durch Jahrtausende menschlicher Geschichte und durch ein zentrales Kapitel der deutschen Moderne.
Fazit
Das heutige smac ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Erinnerungsort an unternehmerischen Mut, architektonische Innovation und an die Brüche des 20. Jahrhunderts. Das ehemalige Kaufhaus Schocken steht exemplarisch für Aufbruch und Verlust, für Modernität und Verfolgung – und für die Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern neu zu erzählen.



