
Faire, inklusive und sorgende Städte – Stadtplanung für alle Lebensrealitäten
Städte sind gebaute Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Wer sich sicher fühlt, wer Wege schnell und barrierefrei zurücklegen kann, wer Zugang zu Wohnraum, Grünflächen, Bildung, Arbeit und sozialer Infrastruktur hat – all das ist Ergebnis politischer und planerischer Entscheidungen. Die geschlechtergerechte und diversitätssensible Stadtplanung setzt genau hier an. Sie fragt, wie Städte so gestaltet werden können, dass sie den Bedürfnissen aller Menschen gerecht werden, und zielt darauf ab, vielfältige Lebensrealitäten sichtbar zu machen und systematisch in die Planung einzubeziehen.
Im Kern geht es um eine faire Verteilung von Raum, Ressourcen und Teilhabechancen. Dabei wird deutlich: Geschlecht ist eine zentrale, aber nicht die einzige Dimension sozialer Ungleichheit. Alter, Einkommen, Herkunft, Behinderung, Sorgeverantwortung oder sexuelle Identität prägen ebenso, wie Menschen Stadt erleben und nutzen. Eine inklusive Stadt denkt mit, dass Menschen auf unterschiedliche und oft mehrere Arten gleichzeitig benachteiligt werden können.
Warum Stadtplanung nicht neutral ist
Stadtplanung wird oft als technisch-rationale Disziplin verstanden. Tatsächlich beruhen viele Planungsnormen jedoch auf impliziten Annahmen über „den normalen Nutzer“: historisch meist männlich, erwerbstätig, körperlich uneingeschränkt, ohne primäre Sorgeverantwortung und mit Zugang zu einem privaten Pkw.
Diese Norm wirkt bis heute fort – etwa in Verkehrsmodellen, die Pendelwege zwischen Wohn- und Arbeitsort priorisieren, während komplexe Alltagswege (Bring- und Abholwege, Einkäufe, Pflegebesuche) unterbewertet bleiben. Oder in der Gestaltung öffentlicher Räume, die eher auf Durchquerung und Aufenthalt für bestimmte Gruppen als auf vielfältige Nutzungen und soziale Sicherheit ausgerichtet ist.
Geschlechtergerechte und diversitätssensible Planung macht diese impliziten Annahmen sichtbar und hinterfragt sie. Sie ersetzt das Einheitsmodell des Nutzers durch eine realistische Vielfalt an Lebenslagen.
Zentrale Handlungsfelder einer fairen und inklusiven Stadt
1. Gerechte Verteilung von Raum
Raum ist eine knappe Ressource. Wer bekommt wie viel Platz – und wofür?
- Öffentlicher Raum: Plätze, Parks, Gehwege und Spielräume werden häufig von bestimmten Gruppen dominiert, während andere sich verdrängt oder unsicher fühlen. Eine inklusive Gestaltung berücksichtigt unterschiedliche Aufenthaltsbedürfnisse, Sichtbeziehungen, Beleuchtung, Möblierung und Nutzungsangebote.
- Wohnraum: Kleine, bezahlbare und flexible Wohnformen sind für Alleinerziehende, ältere Menschen oder Wohngemeinschaften oft zentral, werden jedoch im Neubau unterrepräsentiert.
- Verkehrsraum: Der überproportionale Flächenverbrauch des motorisierten Individualverkehrs schränkt Spielräume für Fuß- und Radverkehr, Begrünung und Aufenthaltsqualität ein.
2. Mobilität und Erreichbarkeit
Mobilitätsbedürfnisse unterscheiden sich stark nach Lebenslage.
- Menschen mit Sorgeverantwortung legen häufiger sogenannte „Trip-Chains“ zurück (mehrere kurze Wege mit unterschiedlichen Zielen).
- Ältere Menschen, Kinder und Personen mit Behinderungen sind stärker auf sichere, barrierefreie und gut beleuchtete Wege angewiesen.
- Geringverdienende sind überdurchschnittlich auf den öffentlichen Verkehr angewiesen und besonders von Angebotslücken betroffen.
Eine gerechte Mobilitätsplanung priorisiert deshalb kurze Wege, dichte Netze des Umweltverbunds (Fuß, Rad, ÖPNV) und barrierefreie Infrastruktur.
3. Sicherheitsempfinden und Aneignung öffentlicher Räume
Objektive Kriminalitätsraten und subjektives Sicherheitsempfinden klaffen oft auseinander. Insbesondere Frauen, queere Personen und ältere Menschen meiden bestimmte Orte zu bestimmten Zeiten.
Relevante Gestaltungsfaktoren sind unter anderem:
- gute Sichtbeziehungen und Beleuchtung,
- soziale Kontrolle durch Nutzungsmischung,
- klare Raumstrukturen ohne Angsträume,
- partizipative Einbindung betroffener Gruppen in Planungsprozesse.
Sicherheit wird hier nicht primär repressiv gedacht, sondern als Ergebnis guter Gestaltung und sozialer Einbettung.
4. Care-Arbeit und soziale Infrastruktur
Care-Arbeit – also Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit und ehrenamtliche Sorgearbeit – wird weiterhin überwiegend von Frauen geleistet und ist räumlich hoch relevant.
Eine sorgende Stadt:
- plant wohnortnahe Kitas, Schulen, Pflegeeinrichtungen und Gesundheitsangebote,
- ermöglicht kurze Wege zwischen Wohnen, Arbeiten und Versorgung,
- stellt ausreichend Sitzgelegenheiten, Toiletten und barrierefreie Zugänge im öffentlichen Raum bereit,
- berücksichtigt Zeitbudgets und Alltagsroutinen in der Verkehrs- und Quartiersplanung.
5. Wohnen, Arbeiten und Nutzungsmischung
Die funktionale Trennung von Wohnen, Arbeiten und Versorgung erzeugt lange Wege und benachteiligt Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder knappen Zeitressourcen.
Eine diversitätssensible Planung setzt auf:
- Nutzungsmischung in Quartieren,
- flexible Grundrisse und gemeinschaftliche Wohnformen,
- Räume für informelle Arbeit, Nachbarschaft und Begegnung.
Geschlecht als eine Dimension unter vielen
Ein zentraler Befund der aktuellen Stadtforschung lautet: Geschlecht erklärt Unterschiede im Stadterleben nur im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren.
So erleben etwa:
- einkommensarme Alleinerziehende,
- migrantische Familien ohne eigenes Auto,
- ältere Frauen mit geringer Rente,
- Menschen mit Behinderungen
strukturell andere Barrieren als gut situierte Doppelverdienerhaushalte.
Deshalb arbeitet eine zeitgemäße Stadtplanung mit intersektionalen Ansätzen. Sie fragt nicht nur: „Wie wirkt diese Maßnahme auf Frauen und Männer?“, sondern: „Welche Gruppen profitieren – und welche werden ausgeschlossen?“
Instrumente und Ansätze aus der Praxis
In vielen Städten haben sich in den letzten Jahren konkrete Werkzeuge etabliert:
- Gender Mainstreaming in der Stadtplanung: Systematische Prüfung von Projekten auf geschlechterbezogene Auswirkungen.
- Gender Budgeting: Analyse, wem öffentliche Investitionen tatsächlich zugutekommen.
- Beteiligungsformate für marginalisierte Gruppen: Aufsuchende Beteiligung, mehrsprachige Formate, Kinder- und Jugendbeteiligung.
- Sozialraumanalysen: Datengestützte Auswertung von Erreichbarkeiten, Nutzungen und Versorgungsdichten.
- Reallabore und Pilotprojekte: Temporäre Umgestaltungen von Straßen oder Plätzen zur Erprobung neuer Nutzungen.
Internationale Beispiele – etwa aus Wien, Barcelona oder Umeå – zeigen, dass solche Ansätze messbare Effekte auf Sicherheitsempfinden, Nutzungsvielfalt und Lebensqualität haben.
Politische und planerische Konsequenzen
Eine faire, inklusive und sorgende Stadt entsteht nicht zufällig. Sie erfordert:
- klare politische Zielsetzungen,
- verbindliche Prüfverfahren in der Planung,
- interdisziplinäre Zusammenarbeit (Stadtplanung, Soziales, Gesundheit, Verkehr),
- ausreichende finanzielle Ressourcen,
- langfristige Evaluation.
Zugleich bedeutet sie einen Paradigmenwechsel: Weg von einer angebotsorientierten Planung für einen normierten Nutzer, hin zu einer bedarfsorientierten Planung für reale Menschen in all ihrer Vielfalt.
Fazit
Geschlechtergerechte und diversitätssensible Stadtplanung ist kein Nischenthema und keine symbolische Gleichstellungspolitik. Sie ist ein zentraler Hebel für mehr Lebensqualität, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe in Städten.
Indem sie Raum, Ressourcen und Teilhabechancen fairer verteilt und Care-Arbeit sowie vielfältige Lebensrealitäten systematisch berücksichtigt, trägt sie dazu bei, Städte wirklich „lebenswert“ zu machen – für alle.
Eine inklusive und sorgende Stadt ist damit nicht nur gerechter, sondern auch resilienter, gesünder und zukunftsfähiger.



